
Kerstin Krämer, Stefan Uhrmacher -
Saarbrücker Zeitung, Montag 26. September 2005
Stummfilme und Sternstunden
Zwischen gediegen und innovativ - Die 15. St. Wendeler Jazztage
Die 15. St. Wendeler Jazztage boten unter anderem Stummfilme, das Ravi Coltrane Quartett und das Ensemble von Musiker/ Autor Gilad Atzmon - eine Bilanz.
St. Wendel. Als "der Jahrgang mit den Filmen" werden die 15. St. Wendeler Jazztage in Erinnerung bleiben. Ein cleverer Schachzug von Festivalchef Ernst Urmetzer, mit unsterblichen Stummfilm-Klassikern, die hier live vertont wurden, den Musikmarathon allabendlich anzureichern. Zwischen heimelig rauschenden Filmprojektor und imposanter Leinwand keimte im Saalbau meist wohlige Nostalgie. In Seelenabgründe entführt Robert Wienes "Cabinet des Dr. Caligari". Für diese Reise schien Christof Thewes` debil blubbernde Posaune wie geschaffen; mit Griffen in den Klavierkasten und filigranen Schattenspielen vervollkommneten Pianist Uwe Oberg und Percussionist Jörg Fischer den Geistertrip. Anders als die bizarren Klangbilder des Newjazz wandelte Günter A. Buchwalds Silent Movie Music Compagny zu Buster Keatons "The General" auf traditionelleren Bahnen: Western-Fiddle, Eisenbahn-Rhythmus und "Glory, Glory Halleluja" - eine illustrierende Jazz-Vertonung.
Ebenso gelungen wie die Stummfilm-Musik aus deutschen Landen präsentierten sich die übrigen Programmpunkte - am überlaufenden Freitag mit angloamerikanischem und am gut besuchten Samstag mit französischem Touch. Dennoch könnte das als Höhepunkt angepriesene Ravi Coltrane Quartet sein Aufeinander-Eingehen noch verfeinern. Die Rhythmusmannen E.J. Strickland (Schlagzeug) und Drew Cress (Kontrabass) groovten ansteckend, doch drängten sie mit stereotypem Powerplay Coltranes gediegene Saxofon-Fantasien oft in den Hintergrund. Anders als einst sein Vater John Coltrane ist Ravi kein Neuerer, sondern pflegt einen zeitlosen akustischen Jazz - dem der großartige Pianist Luis Perdomo Momente des Tiefgangs schenkte.
Einen stärkeren Gesamteindruck hinterließ Gilad Atzmons Oriental House Ensemble mit weiter Dramaturgie und variantenreichem Miteinander. Atzmon blies Saxofon-Offenbarungen, pendelte zwischen US-Kammerjazz und Balkan-Opulenz, führte sein Septett durch wilde Kulminationen, brachte politische Statements unter und schickte seinen Sänger parodistisch durch die Popularmusik.
Im Spannungsfeld zwischen Chanson- und Ethno-Einflüssen, zwischen anrührenden Balladen, heiterem Swing und kraftvollen, tanzbaren Klängen operierte das Cécile Verny Quartett. Die frankoafrikanische Sängerin betörte mit angenehm unaufgeregter stimmlicher Wandlungsfähigkeit und vereinte französische Leichtigkeit mit schwarzer Power - ein Herausstellen vitaler Vokalkunst, ohne die Qualitäten der gut aufeinander eingespielten Begleiter in den Hintergrund zu drängen.
Schlicht eine Klasse für sich jedoch die Harmonie des französisch-italienischen All-Star-Trios Louis Sclavis (Klarinette, Sopransaxofon, Bassklarinette), Henri Texier (Kontrabass) und Aldo Romano (Schalgzeug): Wie erwartet eine energetische Sternstunde des folkloristisch geprägten, europäischen Jazz, bei der Texiers Instrument zur Sitar wurde und Sclavis demonstrierte, dass man Klarinette auch ohne Mundstück blasen kann - klangreich, virtuos, explosiv, organisch.