Kerstin Krämer - Saarbrücker Zeitung, Montag 22. September 2003
Klein-Biotope und Dschungel, Schamanismus und Eigenbrötlerei
Viel Welthaltigkeit beim 13. St. Wendeler Jazzfest: Nicht nur eine fantastische Stepanida Borisova begeisterte
So geht das im St. Wendeler Saalbau nun schon seit dreizehn Jahren: Ernst Urmetzer pocht prüfend mit dem Fingerchen aufs Mikrofon, spricht ein paar einleitende Worte - und schon sind die "St. Wendeler Jazztage" eröffnet.
Die 13 erwies sich keineswegs als böses Omen für die Ausgabe 2003, die gestern endete. Die zeigte sich gleich bei den tänzelnden Nummern, mit denen das saarländische "Matthias Ernst Trio" am Freitag das Festival startete. Und wenn man auch von Hauskatzen-Musik wahrlich nicht mehr sprechen mag - die Rhythmusgruppe (Jörg Jenner, Bass; Martin Lösing, Drums) könnte getrost öfter die Krallen ausfahren, denn während aus dem Flügel des temperamentvollen Matthias Ernst ein üppiger Dschungel wächst, gedeiht unter deren zögerlichen Händen oft nur ein Kleingärtner-Biotop.
Von stringentem und energischem Fluss dagegen die im Umgang mit Mainstream kreativ und progressiv verfahrende Begleitmannschaft der holländischen Sängerin Masha Bijlsma: fein ziseliere Klaviergirlanden, betörend flirrendes Bogenspiel des wuseligen Bassisten und Mut zu eigenwilligen Akzenten von Dies Bijlsma am Schlagzeug. Auf dieser Basis konnte die blonde Vokalistin entspannt die Wandlungsfähigkeit ihrere samtig-voluminösen Stimme demonstrieren und steigerte sich über unspektakuläre Interpretationen von Standards über Pop bis zu ergreifenden Balladen und einem erdig und rauchig geröhrtem Jazz-Blues.
Eigenbrötlerisch, ja geradezu spröde nahm sich dagegen die auf meditativer Stimmungen und archaische Klänge setzende Ethno-Musik, de "Black Sea Trios" aus: Die mit Virtuosen aus drei Ländern besetzte Formation betreibt eine impressionistische und stark perkussive Art der Kommunikation, bei der namentlich die Phantasien des Saxofonisten Anatoly Vapirov die Verbindung zum Freejazz halten. Ausnahmegitarrist Enver Izmailov, der hier zudem Obertongesang beisteuerte, bedient das Griffbrett mit allen zehn flinken Fingern, erzeugt dadurch trockene Tapping-Effekte oder erstaunliche füllige Cembalo-Klänge. Mit dem sensibel agierenden Perkussionisten Kornel Horvath warf er sich hier Bälle zu, unter deren endlosem Flug die Zeit still zu stehen schien.
Monotone Wiederholungen grundierten dann am Samstag auch die durch Hall und Echo effektvoll verfremdeten Klang-Gemälde, mit denen der tschechische Schlagzeuger und Perkussionist Pavel Fajt die Gesänge der "Geschichtenerzählerin" Stepanida Borisova aus Jakutsk atmosphärisch illustrierte: ein unkonventionelles und gerade durch seine strikte Fokussierung auf religiösen Schamanismus schon wieder avantgardistisches, forderndes Duo-Projekt. Mit sprechender Gestik und Mimik und den für die Sangeskultur des türkischen Volks der Sakha typisch gutturalen Trillern beschwor Borisova eine vergangene Zeit, transportierte ihre facettenreiche Stimme eine Gefühlspalette von klagendem Schmerz bis höhnisch feixendem Triumph - fantastisch.
An diese Wucht bei weitem nicht heran kam leider das eigens für die St. Wendeler Jazztage konzipierte und mehr dem Wohlklang als der Expressivität verpflichtete "Balkan Projekt", dessen dümpelnde Sufi-Musik dem Abend einen langatmigen Ausklang bescherte. Schade. Denn begonnen hatte der Samstag ausgesprochen feurig mit dem fröhlichen "Trio Töykeat", Finnlands Jazz-Export Nummer eins.
Auch wenn sie bei ihrer schrägen Mixtur aus Modern Jazz, E-Musik und Rock bisweilen allzu übermütig am vordergründigen Virtuosen-Glanz polierten: mit den Solo-Beiträgen von Piano, Bass und Schlagzeug bewiesen die wilden Finnen Genre-übergreifende Gesanglichkeit.