Saarbrücker Zeitung, 05. Dezember 2003 Ernst Urmetzer
Sternstunde des Jazz im Mia-Münster-Haus
Das Konzert am Sonnabend hatte Weltklasse-Niveau. Vom ersten Ton an war klar: hier steht eine Sängerin, die genau weiss, was und vor allem wie sie mit ihrem Ensemble zaubern kann. Swing und Blues mit prickelndem Feeling und Drive, Chansonanklänge mit großer Wärme, verträumte Songs von höchster Intensivität verzauberten das zahlreich erschienene Publikum. Und das Publikum ging von Beginn an mit. Eine hervorragende Basis für ein gutes Konzert. Cécile Verny verfügt über eine extrem wandlungsfähige Stimme: geschmeidig und pointiert bei Swingtiteln, kräftig und authentisch bei Blues, bei schlichten Songs anrührend intensiv, bisweilen an der Grenze des Hörbaren, vor Vitalität berstend bei lateinamerikanischer Musik und den zahlreichen Scat-Einlagen.
Die stimmliche Souveränität komplettierte sie mit ansprechender Körperpräsenz: mit ausdrucksstarker Gestik untermalte sie ihren Vortrag, die Soloeinlagen der Mitmusiker "kommentierte" sie teils mit viel Bewegung, teils mit interessierter Mimik, und wenn beispielsweise der Schlagzeuger ein Solo hochkochte, dann ließ sie sich zu expressivem Tanz hinreißen. All dies trug sie mit einer großen Natürlichkeit vor und bot damit eine Brücke zum aufmerksamen Publikum. Die Zuhörer gaben reichlich Rückmeldung: mal wippte der ganze Saal, mal spornte spontaner Zwischenbeifall die Musiker an. Damit war der Kreis geschlossen: Zuhörer und Musiker bildeten an diesem Abend eine Einheit.
Bis auf die Zugaben präsentierte das Quartett ausschließlich eigene Stücke: fast alle Songtexte des Abends stammen aus der Feder von Cécile Verny selbst (französisch und englisch), die Musik komponierte der Pianist Andreas Erchinger: originelle, ausgewogene und ausgereifte Songs, allesamt in der Tradition des Jazz. Inhaltlich streifen die Songs Themen des Lebens. Cécile Verny ist an der Elfenbeinküste geboren, in Frankreich aufgewachsen, in Deutschland hat sie eine Familie gegründet. Sie besingt in "Kekeli", einem griffigen Bossa Nova, die Mutterfreuden und -ängste um ihre Kinder, in "Drums call for the dance" beschreibt sie die Lebensfreude der Afrikaner, verpackt in einen flotten Swing mit Drive. In "Petite Armoire", eine deutsche Uraufführung eines neuen traumhaft schönen Songs, erzählt sie mit intimster Stimme von ihren ganz persönlichen "Reliquien", die sie im Schrank aufbewahrt. Mit einer Hommage an den großen Gainsbourg offeriert sie die Unvereinbarkeit ihres Wunsches, ein Liebeslied von dem Idol gewidmet zu bekommen: es bleibt ein Traum. Unliebsamen Begegnungen empfiehlt sie in "Move !!" unmißverständlich mit "Va-t-en!" (hau ab!) zu reagieren, musikalisch sinnreich mit einem freien Swing-Vokalsolo endend. Mit dem Song "Harvest" ermuntert der Autor und Komponist Bernd Heitzler, die Chancen im Leben beherzt zu fassen, verführerisch mit einem packenden Tango-Feeling angerührt.
Exzellent aufgelegte Musiker agierten hoch inspiriert und handwerklich auf sehr hohem Niveau gemäß dem Konzept: wir sind eine Band. So legten sie einerseits der "Königin" den Teppich, vergaßen andererseits aber nicht die wache und spontane Interaktion - das Salz in der Suppe einer Jazzformation. Exquisite Arrangements boten hierzu den Rahmen: Die Band groovte tödlich gut, nahm jeden präzisen Paß auf und kombinierte traumwandlerisch sicher. Bernd Heitzler am Bass sorgte mit einem warm-satten Bass-Sound und punktgenauem Ton für eine grundsolide und motivierende Basis. Der präzis und fordernd agierende Drummer Torsten Krill (Studium bei Pierre Favre) glänzte zudem mit einem unglaublichen Ideenreichtum an Rhythmik und Klangfarben. Der Pianist Andreas Erchinger (Studium bei Joe Haider) verstand es souverän, zwei wichtige Aufgaben zu erfüllen: die des Dieners und die des Klavierlöwen. Herrlich seine versunkenen Akkorde für Klangmalereien, genüsslich seine Ausflüge in alle denkbaren Gebirgsregionen und Tiefebenen.
Begeisterter Applaus am Ende eines großen Abends. Mit zwei ausgiebigen Zugaben, die ersten Standards des Programmes, "Devil may care" und "Save your love for me", bedankte sich das Quartett für den schönsten Abend ihrer aktuellen Tournee. Dies ist durchaus als ein Kompliment an das Publikum und die gemeinsamen Veranstalter Kreisstadt und Jazzförderkreis St. Wendel zu werten.